Remanenzeffekt
Der Remanenzeffekt beschreibt, dass Haushalte nach einer Veränderung der Lebenssituation — Auszug der Kinder, Trennung, Tod des Partners — häufig in ihrer bisherigen Wohnung bleiben. Die Wohnung ist dann für die verbliebenen Personen größer als nötig, und die Wohnfläche je Person steigt, ohne dass jemand eine größere Wohnung bezogen hat. „Remanenz“ stammt vom lateinischen remanere, „zurückbleiben“.
Wie der Effekt entsteht
Typisch ist ein Verlauf über mehrere Lebensphasen:
- Familiengründung: Der Haushalt zieht in eine größere Wohnung oder ein Haus.
- Kinder ziehen aus: Aus vier Personen werden zwei, die Fläche bleibt gleich.
- Partner verstirbt oder Trennung: Eine Person bewohnt eine Wohnung, die für mehrere Menschen gedacht war.
Dass Haushalte in diesen Phasen eher selten umziehen, hat mehrere Gründe, die zusammenspielen: Bindung an das Quartier und die Nachbarschaft, der Aufwand und die Kosten eines Umzugs, eine Bestandsmiete oder ein abbezahltes Eigentum — und das Angebot: Kleinere, altersgerechte Wohnungen sind nicht überall verfügbar. Wohnen bleiben ist deshalb in der Regel eine rationale Entscheidung unter den gegebenen Preisen und Angeboten, keine Frage des Wollens.
Was die Statistik zeigt
Das Statistische Bundesamt hat die Wohnfläche pro Kopf nach Alter ausgewertet (Mikrozensus-Zusatzerhebung Wohnen 2022, Pressemitteilung vom 14. Juni 2023):
| Haushaltsgruppe | Wohnfläche je Person |
|---|---|
| Haushalte mit Haupteinkommensbezieher unter 25 Jahren | 45,4 m² |
| 25 bis 44 Jahre | 44,7 m² |
| 45 bis 64 Jahre | 54,8 m² |
| 65 Jahre und älter | 68,5 m² |
| Alleinlebende ab 65 Jahren | 83,0 m² |
| Eigentümerhaushalte ab 65 Jahren | 78,1 m² |
| Mieterhaushalte ab 65 Jahren | 58,3 m² |
| Eingezogen vor 1999 | 69,2 m² |
| Eingezogen seit 2019 | 47,5 m² |
Von den allein lebenden Menschen ab 65 Jahren wohnte mehr als jede vierte (27 %) auf mindestens 100 Quadratmetern. Die Zahlen zeigen ein klares Muster, aber keine Ursache: Sie belegen, dass ältere und lange am selben Ort wohnende Haushalte mehr Fläche je Person haben. Warum, lässt sich daraus allein nicht ablesen; der Remanenzeffekt ist die gängige Erklärung.
Auffällig ist der Unterschied zwischen Eigentum und Miete: Eigentümer ab 65 Jahren haben im Schnitt 20 Quadratmeter mehr je Person als Mieter derselben Altersgruppe.
Die Werte stammen aus dem Mikrozensus und sind deshalb nicht mit den 49,5 Quadratmetern der Wohnungsfortschreibung vergleichbar (siehe unten).
Was der Effekt für die Wohnungsknappheit bedeutet
Der Remanenzeffekt ist ein Grund dafür, dass die Wohnfläche pro Kopf seit Jahren steigt, obwohl der Wohnungsbestand wächst. Nach der amtlichen Fortschreibung stieg sie zwischen 2015 und 2025 von 46,2 auf 49,5 Quadratmeter, stärker als die Zahl der Wohnungen. Ein Teil des Neubaus wird also durch mehr Fläche je Person aufgezehrt. Wie groß dieser Teil ist, ist eine Rechenfrage mit Annahmen; eine überschlägige Rechnung steht im Artikel Wohnfläche pro Kopf.
Der Effekt ist nicht allein verantwortlich. Weitere Faktoren sind kleinere Haushalte insgesamt, größere Neubauwohnungen und ein regional ungleich verteilter Bestand. Er erklärt auch nicht, warum in Ballungsräumen kleine Wohnungen knapp sind: Dort fehlt es vor allem an passendem Zuschnitt, wie der Artikel zur Wohnungsmarkt-Analyse zeigt.
Warum ein Umzug oft nicht attraktiv ist
Wer aus einer großen, günstigen Bestandswohnung in eine kleinere umzieht, zahlt für die neue Wohnung die aktuelle Marktmiete — oft mehr als bisher, obwohl die Fläche kleiner ist. In der Fachdebatte heißt das Lock-in-Effekt: Die Lücke zwischen Bestands- und Neuvertragsmiete hält Haushalte in Wohnungen, die nicht mehr zu ihrem Bedarf passen. Wie groß die Lücke ist, hängt von Stadt und Lage ab; einen Überblick über das Mietniveau gibt der Artikel Durchschnittliche Miete in Deutschland. Beim Umzug fällt zudem eine neue Kaution an: Sie bemisst sich an der neuen Nettokaltmiete (§ 551 BGB, höchstens drei Monatsmieten), während die Kaution der alten Wohnung erst nach der Abrechnung zurückkommt.
Wie belastbar sind die Zahlen?
- Mikrozensus gegen Fortschreibung: Die Zahlen oben stammen aus der Zusatzerhebung Wohnen 2022 und sind haushaltsbezogen gewichtet. Die 49,5 m² aus der Wohnungsfortschreibung beruhen auf einer anderen Methodik (Gesamtfläche geteilt durch Einwohner). Beide dürfen nicht als Zeitreihe verrechnet werden.
- Korrelation, keine Kausalität: Die Statistik zeigt, dass Ältere mehr Fläche je Person haben, aber nicht, wie viele davon umziehen würden, wenn passende Wohnungen verfügbar wären.
- Der Begriff ist beschreibend, nicht wertend. Er sagt nichts darüber, wie Menschen wohnen sollten.
Häufige Fragen
Was bedeutet Remanenzeffekt beim Wohnen?
Dass Haushalte nach dem Auszug der Kinder oder dem Tod des Partners in der bisherigen Wohnung bleiben, sodass die Wohnfläche je Person steigt.
Wie viel Wohnfläche haben ältere Menschen im Schnitt?
Haushalte ab 65 Jahren bewohnen laut Mikrozensus 2022 im Schnitt 68,5 m² je Person, allein lebende Senioren 83,0 m². Der Bundesdurchschnitt nach Fortschreibung liegt bei 49,5 m², ist aber methodisch nicht vergleichbar.
Warum ziehen Ältere nicht in kleinere Wohnungen?
Gründe sind Bindung an Wohnort und Umfeld, Umzugskosten, eine günstige Bestandsmiete oder abbezahltes Eigentum und fehlende passende Angebote. Eine einzelne Ursache gibt es nicht.
Hat der Remanenzeffekt etwas mit der Wohnungsnot zu tun?
Er trägt dazu bei, dass die vorhandene Fläche ungleich verteilt ist. Er ist aber nur ein Faktor unter mehreren.
Quellen
- Primärquelle Haushalte der Altersgruppe 65+ haben pro Kopf den meisten Wohnraum zur Verfügung — Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. N 035 vom 14.06.2023, abgerufen am 05.10.2026
- Primärquelle Fortschreibung des Wohngebäude- und Wohnungsbestandes (Statistik 31231) — Statistisches Bundesamt, Stand 31.12.2025